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Dienstag, 12. Januar 2010

Diskurs-Häppchen in der SPEX





In ihrer Januarausgabe erklärt die Spex das Ende der Musikkritik und erfindet das „Spex Pop Briefing“ - gedruckte Gespräche jeweils mehrerer Spexautoren, die fortan alle Plattenkritiken ersetzen. Die „medialen Entwicklungen“ würden dies erzwingen. Mehrere Autoren sollen uns Leser nun „briefen“ damit wir mitreden können.

Musikkritikpapst Diedrich Diederichsen findet das falsch. In seinem ihm eigenen Fremdwort- wie Kopf-lastigen Stil fragt der Ex-Herausgeber der Spex in der FAZ: Wozu dann noch die Spex? Diederichsen versteht den Musikkritiker als umfassenden und wissenden Chronisten und als lesenswerten Autor. (Siehe hierzu auch meinen Eintrag vom letzten Jahr.) Ein Gespräch dagegen reduziere jeden Mitstreiter oft auf eine Position. Sie seien billiger bezahlt und schneller gemacht (bzw. umgekehrt). Ein Gespräch läuft eben nicht so elegant und rund wie eine gute Plattenkritik.

Andererseits ist der Schritt der Spex vielleicht auch mutig. Ein Versuch, nicht mehr mit Fachsprache und starken Meinungen auszugrenzen, was man Diederichsen ganz klar vorwerfen kann. Ein Gespräch ist offener als ein gestalteter Text und suggeriert dem Leser, dass auch er bei Gelegenheit mitreden könnte. Außerdem: Mehrere Autoren veräußern in der gleichen Lesezeit noch mehr Wissen.

Nachdem ich die „Pop Briefings“ nun gelesen habe muss ich aber sagen: es sind zu Häppchen verkürzte Einzelkritiken. Aufeinander eingegangen wird kaum. Vorteile der Gespräche, verschiedene Sichtweisen, direktere Sprache oder sogar Intimität findet man besser umsonst und draußen (im Netz). Irgendwer bei der Spex sieht nämlich alle „Briefings“ noch mal durch: „wir achten darauf, dass alles Relevante gesagt und kontextualisiert wird“. Es handelt sich also um rein inszenierte Gespräche. Alter Wein aus neuen Schläuchen. Beziehungsweise nur aus einem blutleereren Abklatsch neuer Schläuche, denn es fehlen die in Fanforen und Blogs nicht unwichtigen Angaben darüber, um welche Uhrzeit ein Eintrag verfasst wurde, ob er geändert wurde und wie viele Verwarnungen oder Kommentare er provoziert hat. Vor allem aber fehlt die Gewissheit, dass da nicht alles getürkt ist. Mehr noch als in Fernseh- und Radiogesprächen kommt ein pseudospontanes „Danke für die Steilvorlage“ hier eher lächerlich.

Solange Max Dax und seine Crew noch üben, behält Diederichsen also leider Recht.
Es ist nicht überzeugend, wenn eine Änderung vor allem dem Ändernden hilft. Indem sie
Geld und Arbeit spart. Und indem sie die Autoren der Verantwortung enthebt, Dopplungen von Begriffen wie „Auto-Tune-Gesang“zu vermeiden oder einen roten Faden zu ziehen. Und vor allem indem sie gleichzeitig aber den ruhmreichen Experten- und Autorenstatus nicht antastet. Von wegen Spex 2.0. Wo wir schon mal dabei sind Netz und Magazine zu vermischen, machen wirs doch gleich alles selbst. Warum eigentlich sollte man lange Texte im Internet nicht an den Nutzer bringen können? Du, herzallerliebster Leser, hast es doch auch ans Ende dieses Blogeintrages geschafft.

Tataratam

Freitag, 7. August 2009

Diedrich Diederichsen ist gegen den Flaneur

Diedrich Diedrichsen ist der Papst der intellektuellen Popmusik-Kritik Deutschlands. Lange Jahre war er Herausgeber der Zeitschrift „Spex“, ausserdem Musikkritiker für den Berliner „Tagesspiegel“ und „konkret“ Hochschuldozent und Jurymitglied in der Bundeskulturstiftung. Ich hatte einmal überlegt diesen Blog irgendetwas mit „Flaneur“ zu nennen. Diedrich Diedrichsen wäre dagegen gewesen. Denn ein Flaneur ist jemand, der teilnahmslos unherstreift.

Diedrichsen spricht sich aus gegen Feuilletonismus und gegen teilnahmslose Kritik. Auch „intellektuell“ würde er sich also wohl nicht nennen wollen. Distanzierte Teilnahmslosigkeit ist das Schlimmste bei Popkritik. Das betrifft für ihn auch den Typus des „ewigen Flaneurs“ sowie des „erlebnishungrigen Touristen“. Stattdessen steht laut Diedrichsen die Kritik und Beschreibung von Pop-Musik vor dem Problem, sowohl ernst und umsichtig als auch teilnehmend und betroffen sein zu müssen: „Pop-Musik-Kritiker haben ein Problem, das andere professionelle Chronisten von Kunst und Kultur nur in Ausnahmefällen kennen: es reicht nicht, dass sie beobachten und beurteilen, sie müssen bezeugen.“ Damit meint Diedrichsen nicht etwa eine Erwartungshaltung der Leserschaft oder der Verleger. Im Gegenteil – zu oft sind hier nur Lockerheit und „Egojounalismus“ gefordert. Nein, es ist der Gegenstand an sich, die Pop-Musik, der mehr noch als andere Musik erst über die Rezeption der Hörer und Fans zu einem Kunstwerk wird. Ob ein Popsong gut ist, entscheidet nicht das Werk selbst, sondern die Rezeption. Daher kann auch kein Kunstkritiker Pop-Musik beurteilen, ohne die Hörer zu kennen und mit Ihnen mitzufühlen. Denn auch aus rein musikalischer Perspektive grottige Stücke (in der klassischen Musik etwa gibt es diese Perspektive), können zum großen Ereignis der Popmusik werden, d.h. für eine bestimmte Gruppe von Menschen auch zum großartigen Ereignis. Und das ist legitim – so sehr manche auch die Nasen rümpfen. Das Naserümpfen Anderer ist sogar oft eine der Hauptvoraussetzungen für gelungene Pop-Musik.

Allerdings – wirft Diedrichsen ein - ist das Ziel von Popmusik nicht einfach Abgrenzung im Sinne von Ausschluss. Distinktionen sind „nicht per se böse“: „Sie setzen noch existenziell erlebte Unterschiede in den nivellierten Alltag der Warenwelt – Positionen und Lebensentwürfe und was davon noch übrig ist, die weder religiös-reaktionär begründet sind noch einfach in der warenförmigen Diversität von Produktpaletten aufgehen.“

Muss man, um Popmusik zu verstehen, den ganzen Lebensentwurf mitleben? Nun gut, auch Diedrichsen ist wohl nicht ständig „drei Tage wach“ im Berghain zu finden. Und wo man es von ihm erwartet protzt Diedrichsen gerne mal auf abschreckende Weise mit seinem Intellekt und hat dabei schon so manchen Leser ausgeschlossen und auch so manchen Musiker. Einmal habe ich ihn im Gespräch mit Lou Reed gesehen. Diedrichsen versuchte Reed eine poptheoretische Reflexion zum Album „Metal Machine Music“ abzuluchsen. Nicht abwegig, denn „Metal Machine Music“ war eine Doppel-LP auf der beinahe ausschließlich E-Gitarrenrückkopplungen zu hören sind. Doch Lou Reed beharrte auf einer „Hauptsache es rockt“-Masche. Der Frontmann von The Velvet Underground und mit „Walk on the Wild Side“ als Solokünstler berühmt Gewordene wollte nichts hören davon, dass er das Album als Protest gegen seinen Mainstreamerfolg gemacht haben könnte, dass er vor dem Album einen bindenden Plattenvertrag über mehrere Alben hatte. Und danach nicht mehr. Und über eine transzendentale oder agitatorische Botschaft seiner Rückkopplungen wollte er sich auch nicht unterhalten.

Über Popmusik zu reflektieren ist eben schwierig, weil die argumentativen Grundlagen „uneingeführt“ sind. Bei den Hörern und bei den Musikern. (Und bei den Lesern des Tagesspiegel) „Man muss jedes Mal alles neu erklären.“ Vielleicht ist das „Erklären“ auch der falsche Modus. Letztlich steht Diedrichsen für den Verkopften Kenner-Helden, der auch mal Sätze mit etwas zu vielen Fremdwörtern schreibt.

Doch auch wenn diese Art die Falsche sein mag. Diedrichsen tritt dafür ein, dass Popmusik bedeutsam ist und nicht nur ein Unterhaltungsangebot. Das Popmusik etwas über seine Hörer ausdrückt, was man mit Worten noch nicht oder gar nicht sagen kann. Wäre die Welt eine bessere, wenn wir alle so dächten?

Von Detlef Diedrichsen sind neben diversen anderen Veröffentlichungen seine gesammelten Kritiken von 1979 bis 1999 sowie seine Kritiken für den Tagesspiegel von 2000 bis 2004 erschienen.

Dienstag, 21. Juli 2009

Masha Qrella - Speak Low


Maurice Summen, Sänger der Neo-NDW-Band "Die Türen" (unten eine kleine Konzertkritik) jubelt in der aktuellen Spex über das neue Album von Masha Qrella. In der Tat ist der Berliner Songwriterin und ihrer Band auf "Speak Low" ein milchweicher Popsound gelungen. Dem Whitest Boy Alive - Produzenten Norman Nietzsche (Masha Qrellas Lebensgefährten) diesen sympathischen, aufgeräumten Klang zuzusprechen ist ein spannender Gedanke. ABER: Summens Urteil, Songs von Kurt Weill und Frederick Loewe, die vor den Nazis aus Deutschland flohen, würden sich in den Masha Qrella Songs "ihren Weg in die Berliner Republik zurückzwitschern", ist etwas übertrieben. Kurt Weill ist hier berühmt für seine Songs aus "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" und der "Dreigroschenoper", wurde in der Emigration berühmt für seine Broadway-Musicals. So wie Frederick Loewe, insbesondere für "My Fair Lady". Während sich in frühen Musicals aber Theaterambition und Wohlklang noch die Hand reichen können, zeigt "Speak Low" doch eher, dass die heutige, fragmentiertere Musikwelt von einer Auseinanderbewegung gekennzeichnet ist. Jede Gruppe drückt den Bauklotz Weill mit aller Gewalt in Ihren Stil, sei es nun Avantgarde, Kabarett oder eben deutscher Etabliertenpop. Pop heute ist vielleicht am ehesten das, was Weill ausmachte. Aber die "Vier Akkorde und ein Riff"-Strukturen von "Speak Low" werden der bahnbrechenden Fantasie von Weill und Loewe einfach nicht gerecht. Beim Auftritt im Haus der Kulturen der Welt 2007, für den die Coverversionen entstanden waren, war das noch etwas anders. Gerade der produzierte Sound ist auf der CD nun zu stimmig, die Rotzigkeit eines Weill-Songs, gesungen von seiner Frau und Muse Lotte Lenya, steht da doch für etwas sehr anderes. Es duftet nach PR-Masche.

Nun, das Wort Inspiration ist ja sehr dehnbar.
Wer die Originale kennt, findet sie in der Qrella-Version manchmal wieder und lustig. Anstatt sie als politische Wiederbelebung historischer Persönlichkeit zu verstehen (wer weiss schließlich, ob Summens Kritik Masha Qrella überhaupt gefällt) sollte man "Speak Low" einfach als ganz gute Popsongs geniessen. Mehr als an Musicals oder Mackie Messer erinnern mich Masha Qrella z.B. an I Am Kloot.



Übrigens:
Die Beschäftigung aus der Sicht "Ernster Musik" mit Weill und anderen von den Nazis vertriebenen oder im KZ Theresienstadt getöteten Künstlern (die dann allerdings wesentlich anders klingen) leistet seit Jahren Albrecht Dümling, ehemals Autor des Berliner Tagesspiegels, mit seinem Verein "musica reanimata". Hier ein Artikel, den ich einmal darüber geschrieben habe. Ebenfalls mit diesem Thema setzt sich eine neuere Veröffentlichung der Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter auseinander.


Nachfolgend nun eine alte Kritik eines Türen-Konzertes.